Der Ort Briesen liegt in Nordmähren, im südlichen Teil des Schönhengstgaues und gehört zum Kreis (Bezirk) Mährisch-Trübau. Im Westen berührt das Dorf den Ostabhang des Schönhengstzuges, der in der Nähe
Briesens - in der Qualka - seinen südlichen Ausläufer hat.Im Osten wird der Ort abgeschirmt vom bewaldeten Rücken des "Mühlbusches", der in den "Moleiner Horst" übergeht.
Entlang des von West nach Ost fließenden Briesener Baches erstreckt sich das Dorf in etwas 475 m Meereshöhe zwischen zwei Mittelgebirgszügen. In Nord-Süd-Richtung verläuft eine alte Verkehrsstraße, von
Böhmen kommend, über Mährisch-Trübau, Langenlutsch, Krönau und Schneckendorf durch den Unterort von Briesen und führt weiter nach Lettowitz, Brünn und Österreich. Im Unterort Briesens zweigt eine Straße in
Richtung Gewitsch ah. Briesen war Sprachgrenzdorf, es war das letzte Dorf des geschlossenen deutschen Sprachgebietes "Schönhengstgau" in Richtung Gewitsch.
Briesen wurde im Jahre 1365 erstmals
urkundlich genannt. Aus der davor liegenden Siedlungsgeschichte dieses Gebietes ist zu schließen, daß der Ort somit etwa 700 Jahre besteht. Nach der im Mai 1939 durchgeführten Volkszählung hatte Briesen
damals 482 Einwohner und die zum Dorf gehörende Fläche belief sich auf 884 Hektar Ackerland und Wald. Der Ort bestand in seinen zusammenhängenden Ortsteilen Unterdorf, Oberdorf und Sechshausen aus 93 Hausern
mit teils landwirtschaftlichen, teils gewerblichen Nebengebäuden.
Wenn Briesen auch überwiegend durch seine Landwirtschaft geprägt war, so hatte doch der Bergbau entscheidenden Einfluß auf das
wirtschaftliche Leben des Ortes. Bergwerke zu beiden Seiten des Dorfes boten Arbeitsplätze und sorgten für die Belebung von Handwerk, Handel und Verkehr. Im Stollen-Bergbau wurde weiß-grauer Ton (Walkerde)
zutage gefördert, der für industrielle Zwecke über den Bahnhof Groß-Opatowitz ins In- und Ausland befördert wurde.
Die Dorfmitte überragte eine stattliche zweiklassige Volksschule und im Unterort stand
eine im Jahre 1718 erbaute Kapelle, die dem Hl. Rochus geweiht war. Eine Molkerei am Ortsausgang in Richtung Schneckendorf verwertete die aus Briesen und den umliegenden Orten angelieferte Milch und war für
das Dorf ein bedeutendes Wirtschaftszentrum. Zwei, früher sogar drei wassergetriebene Mühlen verarbeiteten Getreide und der in Richtung Albendorf stehenden "Waldmühle" war auch ein Sägewerk
angeschlossen. In der Nähe der Kapelle stand das "Wohlfahrtshaus" (Gemeindehaus).
Die Versorgung der Bevölkerung stellten eine Fleischhauerei und drei, eine zeitlang sogar vier
Gemischtwarenhandlungen (Hickl, Habiger und Kohl, früher auch Etzler) und zwei Bäckereien (Kohl, Habiger) sicher, soweit es sich um nicht-bäuerliche Produkte aus Briesen handelte. Im Dorf gab es zwei
Gasthäuser, eines mit Kegelbahn (Hickl, später Dworschak) und das andere mit einem schönen Tanz- beziehungsweise Festsaal (Schwalb, später Knötig). In Briesen waren fast alle Handwerker vertreten, so daß die
Bewohner nur bei bestimmtem Bedarf nach Markt-Krönau oder in die Kreisstadt Mährisch-Trübau fahren, früher sogar gehen mußten.
Die Bewohner Briesens waren ausschließlich Katholiken und gehörten zur Pfarre
Krönau, wo sich auch der Friedhof für den gesamten Kirchsprengel befand. Für Taufen, Trauungen und Beerdigungen von Briesener Bürgern war das Pfarramt Krönau zuständig. Krönau hatte auch eine Poststelle, die
Briesen mit zu versorgen hatte. Dies erledigte in der Regel ein aus Briesen stammender Briefträger. Der Krönauer Polizeiposten war ebenfalls für Briesen zuständig.
Bürgermeister und Gemeinderäte sorgten
für die Ausführiing der gemeindlichen Belange und hatten im Ortsschulrat auch die schulischen Angelegenheiten hinsichtlich Ausstattung und Instandhaltung des Schulgebäudes zu regeln. Aufgeschlossene
Lehrkräfte widmeten sich mit ganzer Hingabe ihrer erzieherischen Aufgaben und schalteten sich auch nach besten Kräften in das dörfliche Vereinsleben ein. Briesens Schüler erhielten eine gediegene Ausbildung.
Das dörfliche Lehen verlief überwiegend harmonisch; man konnte von einer Dorfgemeinschaft sprechen, die bemüht war, die Probleme in gegenseitiger Hilfsbereitschaft und nachharschaftlicher Wertschatzung
miteinander zu regeln.
Am 10. Oktober 1938 wurde aufgrund des "Münchner Abkommens" das Sudetenland und somit auch der Schönhengstgau dem Deutschen Reich angeschlossen. Auch in den
Sprachgrenzorten Schneckendorf und Briesen rückten deutsche Truppen ein und bezogen eine zeitlang dort Stellung. Nach Stabilisierung der Verhältnisse und Festlegung des Grenzverlaufs zur
Rest-Tschechoslowakei wurde am Ortsrand von Briesen, an der Straße in Richtung Albendorf, eine Grenzstation eingerichtet, in der auch einige Männer aus Briesen als "Grenzer" tätig waren. Diese
Station wurde einige Zeit nach Anschluß der Rest-CSR als "Protektorat Böhmen und Mähren" an das Deutsche Reich (März 1939) wieder aufgehoben.
Die Jahre 1945/46 brachten den totalen Umbruch:
Deutschland hatte den 2. Weltkrieg verloren. Die Sowjetarmee marschierte in Briesen ein, Tschechen übernahmen die "Regierungsgewalt". Von Mai 1945 bis in die Spätsommertage 1945 herrschte Willkür,
Anarchie und Chaos. Die Deutschen wurden, bis auf wenige Ausnahmen, aus ihrer angestammten Heimat vertrieben. In Viehwaggons wurden sie unter menschenunwürdigen Zuständen abtransportiert und in alle
Himmelsrichtungen zerstreut. Der Großteil kam nach Westdeutschland, einige auch nach Ostdeutschland, in die Sowjetische Besatzungszone (SBZ), wenige verschlug es ins Ausland.
Die Jahrhunderte lang
bestehenden deutschen Orte Briesen und Schneckendorf hörten als solche auf zu existieren. Heute hat sich die alte Heimat total verändert. Nicht nur die ehemaligen Bewohner sind weg, sondern viele Häuser und
Einrichtungen sind schon verschwunden, verfallen. Sogar die Landschaft hat sich durch den in Tagebau umgewandelten Bergbaubetrieb total verändert. Der Ton in beiden vor der Vertreibung bestehenden Bergwerken
ist ausgebeutet, nur noch in einem Betrieb wird in Hochöfen der von Prag über Opatowitz herangefahrene Ton gebrannt. Viele Landsleute, die 1991 in der alten Heimat waren, sagen: "Um keinen Preis der
Welt wollen wir unter den derzeitigen Zuständen dort leben oder beerdigt sein."
Unsere Heinatdörfer Briesen, Schneckendorf und Schlettau bestehen in ihrer ursprünglichen Form nur noch in
der Erinnerung der Menschen, die einst dort lebten.